Auf Leerstand folgt Besetzung.  „Häuserkampf“ und urbane Kämpfe in Frankfurt 1970-1975.

Die derzeit in Frankfurt stattfindenden Wohnungskämpfe sind nicht vom Himmel gefallen. Vor allem Mietstreiks und Hausbesetzungen sind hier seit den 1960er Jahren die Kampfformen, in denen Widerspruch der Mieter*innen zum Regime der Immobilieneigentümer (und der Stadt als „Vollstreckungsbehörde“) zum Ausdruck gebracht wird. In den 1970er Jahren galt Frankfurt am Main als „Hauptstadt der Hausbesetzungen“. Im September 1970 wurde durch Hausbesetzer*innen das erste Haus durch eine Besetzung angeeignet, die Eppsteiner Str. 47. Dies löste geradezu eine Welle von Hausbesetzungen mit Schwerpunkt im Westend aus, getragen vor allem von Jugendlichen und Studierenden; aber auch für migrantische Familien gab es reichlich Anlass, ihre oft erbärmlichen, baufälligen und zudem noch teuren Unterkünfte mit Wohnungen in besetzten Häusern im Westend zu tauschen. Insgesamt wurden zwischen 1970 und 1975 rund 20 Häuser besetzt, einmalig in der BRD. Erst in den 1980er Jahren gab es einen vergleichbaren „Boom“ an Besetzungen, dieses Mal überwiegend von West-Berlin ausgehend.

Was sind die Hintergründe für die Besetzungswelle? Ein zentrales Moment ist die um 1960 einsetzenden grundlegende  Umstrukturierung von Frankfurt zum kontinentaleuropäischen Finanzzentrum. Dies erforderte mehr Raum für die Finanzindustrie, für Bankentürme und Versicherungspaläste, für „finanznahe Dienstleistungen“. Von den politisch Verantwortlichen wurde der benötigte Raum vor allem im Westend gesichtet, seit dem Ende des 19.Jahrhundert eine Art Villenkolonie vor allem für Frankfurts Geldadel. Als Begriff für das „neue Westend“ machte der Begriff „Cityerweiterungsgebiet“ die Runde, von Stadtplanern um den Stadtentwicklungsdezernenten Kampffmeyer (SPD) in Umlauf gebracht.

Dass die Umwandlung des Westends zum neuen Bankenviertel nicht ohne Brüche zu realisieren war, liegt auf der Hand. Innerhalb weniger Jahre wurde große Teile der Bevölkerung aus ihren Wohnungen vertrieben, massenhaften LEERSTAND machte sich breit, als sogenannte Zwischennutzer wurde migrantische Familien und Studierende einquartiert. Und ein neuer Akteur tauchte auf:  rebellische Jugendliche. Die überall im Westend sichtbaren leerstehenden Häuser, darunter auch zahlreiche hochherrschaftliche Villen, luden geradezu zum Besetzen ein.  Dazu ein Beispiel von vielen: Die Villa im Grüneburgweg 113 war von ihrem Besitzer Ali Selmi, einem iranischen Bankier und Eigentümer von erheblichem Grundbesitz in der Stadt,  war eigentlich zum Abriss vorgesehen, was für reichlich Empörung im Stadtviertel  sorgte. Im Oktober versuchte eine Gruppe von Jugendlichen der linken Szene das schon längere Zeit leerstehende Gebäude zu besetzen. Die Besetzung wurde durch einen massiven und blutigen Polizeieinsatz verhindert – Anlass für w eitere Empörung, in den Medien und selbst in der Sozialdemokratie. Der OB Möller (SPD) geriet in die Defensive und ließ weitere Hausbesetzungen erst einmal zu.

Erst nach zahlreichen weiteren Besetzungen (und gescheiterten Besetzungsversuchen) schlugen Staat, Justiz und das Immobilienkapital zurück. Die im „Frankfurter Häuserkampf“  angeeigneten Räume wurden durch harte Polizeieinsätze wieder geräumt; sie wurden wieder LEERSTAND, bis die Abrissbirne kam und Trümmerlandschaften hinterließ, auf denen dann – oft erst nach Jahren – Glaspaläste der Finanzindustrie errichtet wurden. Einige wenige (ehemals) besetzte Häuser überlebten, nachdem das Immobilienkapital auch den Altbau als mögliche Kapitalanlage wieder entdeckt hatten.  Beispiel  für diese Entwicklung im Kontext des Denkmalschutzes ist wiederum die Villa Grüneburgweg 113.  Auch hier kam beim Hauseigentümer Selmi der Denkmalschutzgedanke zum Tragen. Statt den Abrissbagger zu rufen, brezelte Selmi seine Villa gewaltig auf und machte sie quasi zur Luxusimmobilie – heute ist in den sehenswerten Gebäude eine Anwaltskanzlei der besonderen Art untergebracht. Sie ist spezialisiert auf die Verteidigung von Beschuldigten in sog. Cum-Ex-Verfahren, Experten für Straffreiheit für organisierte Geldwäsche und Steuerbetrug.

Was bleibt vom „Frankfurter Häuserkampf“ angesichts der Wellen von Gentrifizierung, Umstrukturierung und Vertreibung der Mieter*innen, die seit den 1970er Jahren über die „Global City Frankfurt“ hinweggerollt sind? Die Idee der Aneignung des Wohnens jenseits der Kapitalanlage, ja der Stadt als Lebensraum kann letztlich nicht auf Dauer aus den Köpfen vertrieben werden. Dondorf-Druckerei, Günderrodestr., „Cafe Rabe“ sind nur wenige aktuelle Beispiele dafür, dass sich die Idee eine Stadt für Alle jenseits der Gesetze des Marktes immer wieder in praktischen politischen Interventionen realisieren kann. Und dass Leerstand immer mehr ist als Leer-Stand: Er ist auch Aufforderung, Leerstand in Aneignung  zu überführen.

Literatur: Dieses Haus ist besetzt! Frankfurter Häuserkampf 1970-1974. Dokumentation einer Ausstellung, Frankfurt am Main 2020

Rolf Engelke, Frankfurter Archiv der Revolte

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